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Die Aura sichtbar machen

In unseren Sammlungsobjekten steckt viel mehr als von blossem Auge sichtbar ist. Die Künstlerin Shiva Lynn Burgos bringt dies mit alter Fototechnik ans Licht und kreiert faszinierend Kunstwerke.

Wir stehen in einem abgedunkelten Raum im Depot des Museums. Während ein Kunstwerk unter UV-Licht entsteht, bemalt Shiva Lynn Burgos mit dickem Pinsel einen Bogen Papier mit einer speziellen hellgrünen Farbe.

Eine blau gekleidete Frau mit langem braunem Haar legt weisses Seidenpapier in einen grauen Behälter.

In der Dunkelkammer bereitet Shiva Lynn Burgos alles vor

«Dies muss ich ebenfalls fast ohne Licht machen», sagt die Künstlerin und fügt an: «Für mich ist das wie ein Impromptu.» Sie improvisiert, mal füllt sie das Blatt völlig mit Farbe, mal lässt sie weisse Ränder stehen. Im Anschluss müssen die Bögen mindestens eine Nacht trocknen, im Dunkeln.

Unter UV-Licht

Auf solch ein Blatt hat sie vor rund zehn Minuten eine Folie und dann einen Kopfschmuck aus Reiherfedern und Bamubusstiel aus der Sammlung des MKB gelegt. Er stammt aus Washkuk, Papua-Neuguinea, und wurde durch Alfred Bühler 1956 ins Museum gebracht.

Eine Hand in blauem Handschuh platziert ein beiges Federobjekt neben zwei anderen grünlichen Federbüscheln auf ein weisses Papier in einem grauen Behälter.

Die Gegenstände, die «abgelichtet» werden sollen, müssen richtig arrangiert werden

Darüber kam Glas. Rund 20 Sekunden Zeit hat Burgos jeweils, um die Objekte in einem blechernen Behälter richtig zu platzieren. Dann muss sie die Platte mit dem UV-Licht drüberschieben.

Eine Frau in blauem Kleid und buntem Foulard mit langem braunem Haar hält eine Holztafel in den Händen, auf der kleine Reihen von UV-Lämpchen befestigt sind.

Diese Platte mit UV-Licht wird später auf den Behälter mit den Objekten gesetzt

Zwei Frauen heben eine Holzplatte hoch, um sie auf einen grauen Behälter zu legen. Im Vordergrund liegen Papiere und eine Schere.

Generalprobe noch bei Licht, wenn es ernst wird, passiert alles im Dunkeln

Wir alle tragen Sonnenbrillen. Das UV-Licht soll Sonnenlicht imitieren. Zwölf Minuten lang werden Papier und Objekt bestrahlt. Frühere Versuche an diesem Morgen haben gezeigt, dass dies die ideale Zeit ist.

Als die Stoppuhr klingelt, entfernt die Künstlerin Glas, Objekt und Folie und packt den Bogen Papier, der nun Dunkelgrün ist, in einen schwarzen Plastiksack. Diesen trägt sie ins Restaurierungsatelier.

Zwei Frauen stehen vor zwei grauen Lavabos. Die eine Frau trägt rosa Handschuhe und hält eine graue Box, in der ein Blatt Papier schwimmt, auf dem ein weisser Federbüschel auf türkisfarbenem Grund zu sehen ist.

Im Essigbad wird das Kunstwerk hin und her geschwenkt und nimmt Formen an

Dort wartet Betsy Green, die zuvor ein Bad aus Wasser und Essig vorbereitet hat. Darin schwenkt sie das Papier hin und her, ein paar Minuten lang. Die Farbe wechselt langsam zu Türkis und die Konturen des Objekts kristallisieren sich heraus. Wie bei einer Fotografie.

Green weiss aus Erfahrung, wann es Zeit ist, das Kunstwerk aus dem Essigbad zu nehmen und es längere Zeit mit Wasser abzuspülen: «Ich sehe es am Weiss und an den Farben.»

Nun wird das Kunstwerk tüchtig mit Wasser gereinigt

Nun wird das Kunstwerk tüchtig mit Wasser abgespült

Unter dem Wasser wird das Ganze blau. Auch hier gilt es den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, wann Schluss sein muss – bevor die ganze Chemie ausgewaschen wird. Beide Frauen bestätigen, dass zwar einige chemische Prozesse ablaufen, aber vieles rein nach Gefühl geht.

Zwei Frauen stehen neben einem blauen Wäscheständer, an dem schon zwei Blätter hängen. Sie befestigen zwei weitere Blätter daran mit Wäscheklammern.

Die Kunstwerke müssen trocknen

Nun hängt das Kunstwerk am Wäscheständer zum Trocknen. Burgos beäugt es ganz genau. Sie meint, die Belichtungszeit sei perfekt gewesen. «Schauen Sie, wie das Objekt mehrdimensional wurde, wie wir es zum Leben erweckt haben. Mit Objekten zu arbeiten, bringt deren Geheimnisse an den Tag.»

Alternative Fototechniken

Burgos und Green werden noch zwei Wochen solche Kunstwerke kreieren. Burgos nennt das Projekt «Shadow Energies». Als «Artists in Residence» am MKB dürften sie um die 100 Bilder produzieren.

Zehn bis zwanzig pro Tag, sagen sie. Vielleicht versuchen sie es auch mal mit Sonnen- anstatt UV-Licht. Sie zeigen sich begeistert über das Museum, die Räumlichkeiten, die Infrastruktur und die Sammlung.

Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich Burgos mit alternativen Fotografietechniken. U.a. mit einem der ältesten fotografischen Verfahren, dem über 180-jährigen Eisenblaudruck (Cyanotype).

Fast gleichzeitig hat sie das Mariwai-Projekt mitbegründet. Dieses beinhaltet den künstlerischen und kulturellen Austausch mit den Kwoma in Mariwai, in Papua-Neuguinea.

Auf einem braunen Tisch sind einige Blätter ausgebreitet, auf denen weisse Gegenstände auf blauem Grund zu sehen sind.

Frühere Werke aus dem Mariwai-Projekt in Papua-Neuguinea

Burgos hat festgestellt, dass die Kunst der Kwoma und ihre Kunst Gemeinsamkeiten haben: bei beiden geht es ums «Waschen». Kunst bei den Kwoma ist verbunden mit dem rituellen Reinigen von Objekten, um die Energie der Geister und Ahnen zu wecken.

Die Künstlerin zeigt an diesem Morgen ein paar der Kunstwerke des Mariwai-Projekts. Sie habe versucht, die Aura und Ausstrahlung der Objekte «hervorzuzaubern», mit ihrer alten Technik.

Fürs Publikum

Diese Werke wie auch die ganz neuen wird sie der Öffentlichkeit präsentieren. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Ethnologie fassbar», am 7. Juni abends um 18 Uhr. Dazu zeigt sie Filme von ihren Aufenthalten in Papua-Neuguinea, darunter einen Virtual-Reality-Film.

Eine blaugekleidete Frau mit langem braunem Haar hält in der Hand einen dunklen Kopfschmuck. Vor ihr liegen weitere dunkle Gegenstände, die aber unter weissem Papier praktisch versteckt sind.

Shiva Lynn Burgos hat eine erste Auswahl an Objekten getroffen, mit denen sie arbeitet

Burgos hat deshalb auch erstmal vor allem Objekte aus Papua-Neuguinea für ihre Arbeiten im MKB ausgewählt. Bereits im Vorfeld tauchte sie in die Museumsdatenbank und Archive ein, traf Ozeanien-Kuratorin Beatrice Voirol und auch den ehemaligen Kurator Christian Kaufmann.

Es sei ein gegenseitiger Austausch von Wissen, meint Burgos. Sie habe bereits viel gelernt. Sie schwärmt vom Fotoarchiv, wo sie sehen kann, wie gewisse Objekte benutzt worden waren, was ihr Zweck war.

An einem blauen Wäscheständer hängt ein blaues Bild, auf dem ein weisser Federbüschel zu sehen ist.

Durch die alte Fototechnik hat der Kopfschmuck neue Dimensionen gewonnen

Sie wird aber noch weitere Objekte suchen. Ihr Augenmerk liegt auf Gegenständen mit bestechenden Formen oder auf solchen, die in Zeremonien benutzt worden sind. Die eine gewisse Spiritualität in sich haben. Burgos sagt: «Diese Objekte haben viel zu erzählen. Wir sprechen miteinander.»